Über den aktuellen Stand der Umfragen und weitere Informationan rund um die US-Präsidentschaftswahlen am kommenden Dienstag (4. November 2008) kann man sich auf diversen Internetseiten in Kenntnis setzen (Internetadressen zur US-Wahl!). Aber Umfragen sind eben keine Wahlergebnisse, die mitunter anders ausfallen, als dies die Demoskopen prognostizieren. Doch was ist bei dieser US-Wahl zu erwarten?
Zunächst einmal würde ich eine Überraschung dahingehend, dass McCain gewinnt, ausschließen. Die Frage konzentriert sich somit darauf, wie hoch der Sieg für Obama ausfallen wird. Hierzu sind zwei Szenarien vorstellbar:
Szenario 1: Obama gewinnt die Wahl mit einem klaren
Vorsprung
Er kann etwas mehr als 50% der Stimmen und etwas mehr als 300 Delegierte auf sich vereinigen.
Szenario 2: Obama gewinnt mit einem Erdrutschsieg
Er kann etwa 55% der Stimmen und mehr als 350 Delegierte auf sich vereinigen.
Die Wahrheit dürfte in der Mitte liegen, wobei das Pendel vermutlich stärker zu Szenario 2 ausschlagen wird. Was sind die Gründe dafür, dass Obama schon vor Auszählung der Stimmen als neuer US-Präsident festzustehen scheint? Im Folgenden fünf diesbezüglich relevante Aspekte:
1. Das Märchen vom Bradley-Effekt:
Der Bradley-Effekt besagt, dass viele Wähler in Umfragen vorgeben, einen schwarzen Kandidaten wählen zu wollen, dies dann bei der Wahl aber doch nicht tun. Insofern seien die Wahlumfragen für
einen schwarzen Kandidaten systematisch überschätzt. Dieser Effekt mag in der Vergangenheit eine Rolle gespielt haben, aber auch die USA haben sich gesellschaftlich weiterentwickelt, was häufig
übersehen wird. Es gibt bei bestimmten Wählern zwar nach wie vor Vorbehalte gegen Schwarze, allerdings sind das üblicherweise die Wähler, die von den Demokraten gar nicht erreicht werden können,
sprich, diese würden auch einen weißen Kandidaten der Demokraten nicht wählen. Abgesehen davon hat Obama eine weiße Mutter und steht nicht im Verdacht, einseitig die Interessen von Schwarzen zu
vertreten. Selbst wenn der Bradley-Effekt immer noch eine gewisse Rolle spielen sollte, wird er von anderen Faktoren überkompensiert.
2. Der Mobilisierungseffekt:
Obama hat in den USA eine beispiellose Mobilisierung bewirkt. Unzählige Wähler werden bei dieser Wahl ihre Stimme abgeben, die das nie zuvor getan haben oder auch nur erwogen hätten. Die
Verdrossenheit der Bush-Ära ist in Begeisterung für Politik umgeschlagen. Politik ist urplötzlich wieder „in“. Dies fand seinen Ausdruck beispielsweise in einer nie dagewesenen
Spendenbereitschaft für einen Präsidentschaftskandidaten. Obama unterstützten neben Großspendern vor allem auch mehrere Millionen Kleinspender. Die Wahlbeteiligung wird aller Voraussicht nach
sehr hoch sein, insbesondere bei Schwarzen, Jüngeren, Intellektuellen oder der aufgeklärten Mittelschicht dürfte sie sehr ausgeprägt sein. Obama ist dabei von einem Messias und Popstar, wie er in
den Vorwahlen zum Teil dargestellt wurde, zu einem ernst zu nehmender Politiker mit weltweiter Ausstrahlung herangereift, so jedenfalls die Wahrnehmung einer breiten Öffentlichkeit.
3. Die außenpolitische Kompetenz:
Die außenpolitische Kompetenz galt zunächst als ein Schwachpunkt von Obama, da sein Kontrahent diesbezüglich als wesentlich erfahrener galt. Gleichwohl war die Haltung Obamas zum Irakkrieg schon
bei den Vorwahlen ein Pluspunkt für ihn. Die aktuelle Entwicklung im Irak hat dies noch untermauert, da sich inzwischen auch die scheidende Bush-Administration mit Plänen zu einem Abzug der
Truppen auseinandersetzen muss. Zudem hat die besonnene Haltung zum Kaukasus-Konflikt, die anfangs eher McCain zugute kam, die außenpolitische Glaubwürdigkeit von Obama letztendlich gestärkt.
Endgültig verspielt hat McCain seinen vermeintlichen Vorteil bezüglich der außenpolitischen Kompetenz aber durch die Berufung von Sarah Palin zu seiner Vizepräsidentschaftskandidatin, die
außenpolitisch als völlig unerfahren gilt, was sie durch mehrere öffentliche Statements untermauerte. In der Wahrnehmung der Öffentlichkeit besteht das Problem darin, dass Palin insbesondere vor
dem Hintergrund des relativ hohen Alters und des angeschlagenen Gesundheitszustands McCains als potenzielle Präsidentin angesehen wird, für viele Amerikaner nachvollziehbarerweise eine völlig
undenkbare Vorstellung.
4. Die Wirtschaftskompetenz:
Obama hatte bezüglich der Wirtschaftskompetenz in Umfragen – trotz einiger Vorbehalte wegen seiner etwaigen Steuerpolitik, da in den USA die gefühlte Gefahr möglicher Steuererhöhungen etwa für
die ambitionierten Programme Obamas im gesundheits- und Energiebereich nach wie vor ein großes Thema ist – schon immer deutlich bessere Werte zu verzeichnen als McCain. In der Sozialpolitik (vor
allem die Reform der Gesundheitsversorgung betreffend) wird den Demokraten traditionell mehr Kompetenz zugebilligt. Aber auch hinsichtlich der Wiederbelebung der Wirtschaft traut der Wähler Obama
deutlich mehr zu als McCain, der selbst von sich behauptet, wenig Ahnung von Ökonomie zu haben, wofür er sich offensichtlich auch nicht sonderlich zu interessieren scheint. Er ging in einem der
Fernsehduelle sogar so weit, die Verantwortung hierfür seiner Vizekandidatin zuzusprechen, die allerdings auch diesbezüglich wenig profiliert ist. Die Finanzmarktkrise, die das Thema Wirtschaft
in den Mittelpunkt des US-Wahlkampfs rückte, hat Obama fraglos begünstigt.
5. Das Erscheinungsbild der Kandidaten:
McCain ist in den USA als Kriegsveteran akzeptiert. Zudem genießt er als Person, die sich häufig nicht durch Parteidisziplin einengen ließ, große Sympathien. Dennoch hat Obama bezüglich des
gesamten Erscheinungsbilds gegenüber seinem Kontrahenten große Vorteile. Er wirkt jung, cool und sympathisch, gleichzeitig aber kompetent und vertrauenserweckend. Sein Auftreten wirkt ebenso
professionell wie inspirierend. Hinzu kommt seine große rhetorische Begabung.
Fazit
Alles in allem genommen haben die zuvor ausgeführten fünf Punkte dazu geführt, dass Obama viele Wähler der traditionell demokratischen Wählerschichten mobilisieren konnte, vor allem aber hat er
mehrheitlich die unentschlossenen Wähler der politischen Mitte für sich einnehmen können. Die Unentschlossenen sind letztendlich entscheidend in den umkämpften US-Staaten, den sog. „Swing
States“. Umfrageergebnisse in Staaten wie z.B. Ohio oder Michigan unterlegen, dass Obama in der Wählerschicht, die für ihn lange ein Problem darstellte, nämlich der weißen Arbeiterschaft,
offenbar Vertrauen gewinnen konnte. Vor diesem Hintergrund werden die Amerikaner aller Voraussicht nach einen Schwarzen zu ihrem Präsidenten wählen, der die Politik in den USA und auch im
internationalen Maßstab inspirieren wird. Daraus kann man den Schluss ziehen, dass sich Amerika verändert hat, und zwar im positiven Sinne – das ist
die Botschaft an die Welt!